XVI. Psalm. Zu singen dem Herrn bei der Betrachtung der großen herrlichen Natur auf einem Berge, in der freien endlosen Raumhalle Gottes.
" Wie ein Würmchen vom Staube der Nichtigkeit prüfend erklimmet gar mühsamen zögernden Zuges den stachlichen Stamm einer Distel; so auch hab' gar mühsam erklommen ich sündiger Wand'rer den mächtigen Stamm und den Gipfel derjenigen großen Gewächse der Erde, die nicht wie eine Tag'sfliege von heute bis morgen nur währen, die tausend und tausend von Jahren getrotzet schon haben.

Der Mensch nennet da diese gar mächtigen Pflanzen der Erde wohl "Berge"; doch ich nenn' Das, was aus der Hand meines Gottes geflossen, nur Pflanze; denn wir, als die freiest belebten Wesen, sind selbst ja nichts anders, als Pflanzen und Reben im Weinberg des Herrn und im Acker, da Er hat gesäet den Waizen in uns, als die Saat für das ewige Leben.

So sind denn auch Sonnen und Welten und Berge nur Pflanzen, zu deren Dasein Er den kräftigen Samen gestreu't hat durch alle die endlosen Räume;

Und hat auf die nämliche göttliche Art dann auch sicher gesorgt auf den reifer geword'nen Welten, und hat in die feurigen Tiefen der Erden zuerst wohl geleget gar kräftigen Samen voll hebenden Feuers, aus dem dann in Zeiten und Zeiten der feurigsten Stürme die Berge dem qualmenden Boden der Erde entwuchsen.

Wohl mag es da Szenem beim Werden der Riesen auf dieser nun ruhiger werdenden Erde, die wir bewohnen, von nie zu beschreibender Weise gegeben ja haben, von denen der forschende Geist keinen Traum je gehabt.

Aber Größe, und so auch Nicht=Größe bei werdenden Szenen der Dinge nach unserem menschlichen Sinne, das Alles ist Eins in den Augen des großen Urhebers; denn Ihm ist es Eines zu schaffen den Samen für Sonnen und Welten, wie jenen, aus dem wir die Infusorien zu Dezillionen in einem Thautropfen entstehen erspähen.

Und so stehe ich denn dahier auf dem klüftigen Spitze so einer recht alten Weltpflanze, und führ' mir beim weiten Umblicke der vielen um mich herum bis auf den Aether aufragenden ersten Gewächse der Erde, ihr feuriges mächtiges Werden recht anschaulich vor meine Sinne.

Und wenn ich mich tiefer so in die urweltlichen Szenen des Werdens der großen Gewächse im Geist' hab verloren, und Alles so stille wird rings um mein lauschendes Ohr, o da sink' ich im Geiste zusammen, und bete:

"O Vater! - Du großer, Du heiliger Vater! geheiligt werde Dein heiliger Name; denn Du bist es ja, Der da diese so mächtigen Berge als erste Gewächse aus Deinem gar kräftigen Samen voll Feuers aus Deinem allmächtigen Willen dem bebend gehorchenden Boden der Erde entkeimen hast lassen.

"O leg' auch in dieß mein ohnmächtiges Wesen so einen gar kräftigen Samen voll Feuers von Deiner lebendigen ewigen Liebe, auf daß auch aus mir, wenn auch unter manch' tobenden Sturme, solch' feste und bleibende Früchte stets möchten erwachsen, wie diese, die ihre heiligen Spitzen zu Dir empor da strecken, als mächtige Zeugen von Deiner unendlichen Macht, Liebe, Weisheit und Stärke."

O Vater! wie herrlich und groß sind doch all' Deine Werke, wie groß ist die Lust jener Seele, die allzeit wohl achtet darauf; -

O - so laß mich denn allzeit d'rauf achten mit all' meinen Sinnen, denn es sind wohl werth Deine heiligen Werke, daß man sie zu jeder Zeit achtet, und lernet von Ihnen in wonnigster Freude, Dich heiligsten Vater, stets mehr und stets tiefer erkennen!

Dich loben die Engel, die Sonnen, die Welten, die Berge und alle Geschöpfe; so laß denn auch dieß mein gar geringstes Lob mit dem Lobe des Berges, auf dem ich nun betend stehe, zu Dir, o Du heiliger Vater aufsteigen; Dir einzig alleinig sei Lob, Ehr' und Preis ewig! Amen."
[PsG.02_016]