X. Psalm. Zu singen dem Herrn an einem trüben Tage.
" Wie trüb da auch möchte ein Tag sich gestalten vom frühesten Morgen bis hin in den spätesten Abend; ein Bild, ja ein herrlichstes Bild bleibt er dennoch für ein Dich nur liebendes Herz, o Du heiliger Vater.

Was kann uns wohl treuer die jetzige arge und trugvollste Zeit vor die sinnlichen Augen darstellen, als eben ein so recht trübester Tag, da das herrliche Licht aus der Sonne nur mühsam und endlos gebrochen und gänzlich zerrissen sich durch all die Massen und Massen und Schichten und Schichten zerarbeiten muß, um den Boden der treulosen Erde doch einigen wenigen Trost zu gewähren.

Wer kennt nicht die endlosen Massen und Schichten von Wolken fürs Herz, für den Geist, und fürs geistige Leben, die jetzt allenthalben die Himmel lebendigen Glaubes gar dichtest umtrüben?

Darum bist du trübester Tag mir willkommen, willkommen, ein gastlicher Freund; denn du predigst ganz furchtlos und ohne Rücksichten die reinste Wahrheit den Kleinen und Großen grell unter die Augen, damit sie erschauen doch sollen, wie jetzt ihre Herzen beschaffen wohl sind. -

Aber so wir uns wollen beleuchten, und zeigen einander, wie es um die Lieb und den Glauben nun stehet, da trauet sich Keiner ganz voll mit der reinsten Wahrheit heraus; denn er muß ja stets Rücksichten nehmen und allzeit bedenken, mit Wem er da spricht.

O ihr Zeiten, ihr Zeiten, wie schwer ist mit euch nun streiten! Die Brüder erkennen einander nicht mehr, und will Keiner den Anderen hören, indem sich da Jeder mehr dünket, als da ist sein Bruder, und trauet auch Keiner dem Andern. Und möcht auch der Weis're dem weniger Weisen was künden, so muß er dabei stets auf tausend Rücksichten wohl achten; sonst hat er im Bruder den Richter gefunden.

Und ist Solches geschehn, dann wehe dem armen, dem weiseren Bruder; denn dann wird auch er rücksichtslos zu gesetzlichen Strafen verdammet, entweder mit drohenden Worten, ja nicht selten gar in der That.

Für die schmeichelnden Lügen, für diese nur werden stets reichliche Prämien ertheilt; aber für eine reineste Wahrheit will Niemand den schnödesten Heller bezahlen.

Darum bist, o trübester Tag, mir so theuer, indem du ganz ohne Rücksichten die reineste Wahrheit verkündest und zeigest im klarsten Spiegel, der da ist gebildet aus den Massen und Massen von dichtesten Wolken, dem weiseren Auge zum wenigsten, wie da beschaffen nun ist all die trugvollste Welt.

O Du heiliger liebvollster Vater! wie soll ich Dir danken für solche erhabenste Gnade, daß Du mich erkennen hast lassen so einen getreuen Profeten, in diesem unfreundlichst mir scheinenden Tage?! -

Nun werd ich wohl keinen der düsteren Tage unfreundlich mehr nennen; denn sie sind ja Boten von Dir, und verkünden mit deutlich vernehmbarer Stimme der sündvollsten Erde, was sie für Geschlechter wohl trägt, wie da gar so Viele dem trübesten Tage hier gleichen, und Manche die Sonne des Lebens wohl suchen, doch sie sind stets außer dem Stande, zufolge der Trübe den Standpunkt derselben zu finden.

Obschon aber wir durch ein inneres Licht es wohl sehen, wie es um die Menschheit der Erde nun stehet, so ist dennoch ein solch ermahnender Bote uns allzeit willkommen; denn er sagt ja in einer Sekunde uns mehr, als wir mühsam in vielen den säumenden Stunden uns kärglich zu zeigen vermögen.

So nimm denn, o heiligster Vater, dafür auch den innigsten Dank. Denn Du bist ja stets allzeit die reinste Liebe, und Alles, was Du uns da spendest, ist gut; also auch so ein düster umtrübeter Tag. O, laß öfter der Erde solch Tage nur werden; sie sind ja gar treuliche Hüter und Lehrer der Menschen, die nichts denn die Welt nur schön finden. - Dir dank ich, o heiligster Vater, darum für den düsteren Tag auch. Amen, Amen."
[PsG.02_010]