71. Post nubila Phöbus.
(Nach dem Nebel kommt die Sonne.)

So weit und warm die Sonne scheint,
Wo find't sie den, der's ehrlich meint?
Der Eine falsch, der And're hohl,
Die Welt lieblos, man weiß es wohl;

Die Wahrheit eine Wittwe, nicht?
Und wo ist, der da für sie spricht? .
Ein Rennen, Jagen, fort und fort,
Vergessend ganz das Gotteswort!

Sie schmieden oft gar frechen Scherz
Zur falschen Münz auch's blinde Herz;
Darum der Himmel oft verhüllt,
Und sich sein Aug' mit Thränen füllt;

Es muß ihm selbst am Ende grauen,
Dieß arme Leben anzuschauen.
Warum dem Herzen dann so leicht
Schon wenn der Wolkenschleier weicht,

Der ew'ge Dom blau aufgethan,
Uns Sterbliche schaut freundlich an?
Ist es die Wärme? Sonnenschein?
Was uns so sehr erquickt? - O nein!

Ach, ein Geheimniß froh bestellt,
Das alter Glaube noch erhält. -
Still Herz, noch lebt der alte Gott;
Das Licht besiegt den Trug, den Spott!

Darum die Sonn' so golden scheint:
Sie Einen fand, der's ehrlich meine!
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Was will ich denn mit dem Gedicht?
Bemessen etwa's Weltgericht?
O nein! es ist nur diese Zeit,
Die nicht der Menschen Herz erfreut;

Doch hinter Bergen - hab's erschaut,
Wie schon ein neuer Morgen graut!
Darum sei still, mein Herz, sei still!
Also gescheh's, wie's Einer will!
Greifenburg, 1845. Jakob Lorber.
[PsG.01_071]