32. Abschiedsszene eines guten Geistes von seinem Leichname.
32. Abschiedsszene eines guten Geistes von seinem Leichname.
Dieses Liedchen ist gut und wahr; daher sollte es wohl recht beherziget werden. Es giebt zwar schon ähnliche Lieder in guten Reimen; aber es klebt ihnen noch so manches Irdische an, darum sie auch minder zu beachten sind. Dieses aber ist geistig wahr und rein; darum soll es auch beachtet sein von Jedermann; denn es stellt wirklich eine Abschiedsszene eines guten Geistes von seinem Leibe dar.
Ganz besonders aber sei dieses Liedchen dem Töchterchen J. des A. H. W. zu ihrem Leibes=Geburtstage beschieden, damit sie in dieser Kleingabe ersehen möchte, um wie Vieles der Geist besser ist, als der dem Tode anheimfallende Leib! Sie soll aber darum etwa nicht sterben oder einen Tod befürchten, sondern nur daraus den hohen Werth des Geistes vor dem Leibe erschauen. Amen!

In armen Stübchen ruht die Leiche.
Die Freunde steh'n um sie herum,
Und seh'n noch einmal an das bleiche
Gesicht, und weinen, trauern stumm. -

Wohl trocknen sie die heißen Zähren,
Doch nicht versiegt der Wehmuth Strom;
Denn bald soll'n sie gar hart entbehren
Den, der da war so gut und fromm!

Als sie doch aus der Trauerkammer
Zurück sich zieh'n in's Schlafgemach,
Und da sie hält ihr tiefer Jammer
Vom Schlafe los und trauernd wach; -

Da zuckt herab ein heller Schatten
Zur Bahre hin in Mondesstrahl;
Denn eh' den Leichnam sie bestatten,
Will er ihn seh'n zum letzten Mal.

"So hab' ich dich (spricht er) verlassen,
Hab' wie ein Kleid dich abgelegt;
Ich kann ja kaum die Wonne fassen,
In der mein Sein sich nun bewegt.

"Ich - nun ein freies, rein'res Wesen,
Bin leicht geflügelt, hell und klar.
Ein neu' Gewand ist mir erlesen
Viel hehrer, als dieß alte war. -

"O Tod! wie doch so sanft gelinde
Hast du im Schlummer mich entrückt,
O - wie ich mich nun seligst finde
Und über jeglich Maß entzückt.

"Wie macht mich der Gedank' nun bangen,
Daß nur auf eine kürz'ste Rast
Der Leib mich wieder könnt' umfangen
Mit seiner schweren todten Last!

"Wie zogst du mich zu todten Freuden,
Leib, gegen meinen Willen hin,
Wie mußt' d'rum oft mit dir ich leiden
Für schlecht'sten Lohn, für Tod's Gewinn!

"Doch fühl' ich jetzt ein Mitleidsbeben,
Und muß hier einen Dank dir weih'n;
War matt auch unser einig's Leben
So konnt' ohn' dich ich doch nicht sein.

"Du gabst mir wohl auch manche Wonnen,
So sie, die nun der Schlaf umhüllt,
Des Hauptes seelenvolle Sonnen
Entzückte zarter Schönheit Bild; -

"Wenn süße Tön' das Ohr umflossen,
Die Hand gedrückt des Freundes Hand,
Wenn meine Arm' ein Glück - umschlossen
Und selbst die Lippe Lieb' empfang. -

"Doch nun bist du allein geblieben,
So sink' denn auch allein zur Gruft;
Denn ich hab' All's ja schöner Drüben,
Dort in der Himmel reinster Luft! -

"Nur Eins stört Meinen sel'gen Frieden
Und macht mir ein wehmüthig Herz;
Die, welche ich beließ hienieden,
Ergeben sich zu sehr dem Schmerz!

"Ich hör' sie mächtig um mich weinen,
Der süße Schlaf sie stärket nicht,
Wie gern doch möcht' ich euch erscheinen
Umstrahlt von hellstem klarstem Licht!

"Wie gern möcht' ich euch All's entdecken,
Welch' eine Wonne mich umfleußt!
Doch würdet ihr gar sehr erschrecken; -
Ihr fürcht't ja den verklärten Geist!

"So will ich harren denn zur Schwelle,
Ganz heimlich nur nach euch hinseh'n
und fließt um euch des Schlafes Welle
Mit leis'sten Tritt zu euch dann geh'n!

"Da werd' zu eurem Haupt ich treten,
Umwehen es mit sanftem Hauch,
Euch segnen, liebend für euch beten,
Denn das ist da der Segens=Brauch."
[PsG.01_032]